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Predigt Die Kraft der leeren Hände
Feierliche Profess von Sr. Consiglia Ronni OP
Andreas English, geboren 1963, studierte Literatur und Journalismus. Er wurde römischer Korrespondent für verschiedene renommierte und weit verbreitete deutschsprachige Zeitschriften und Magazine. 1995 durfte er zusammen mit einigen wenigen Vatikan Journalisten die Reise des Papstes nach Indien im päpstlichen Flugzeug begleiten. Zu dieser Zeit gehörte er noch zu den extremen Kritikern von Johannes Paul II. Seine Artikel, zumindest seine Kommentare, waren stets bissig und ätzend. Das änderte sich 1999 und ich möchte Ihnen erzählen wie und warum. Der damalige Papst besuchte Indien. Unter anderem hatte er
die Absicht, das Grabmal Mahatma Gandhis aufzusuchen. Dort sollte er seine Schuhe
ausziehen, Sandalen überstreifen und sich dann der Gedenkstätte nähern. Das war keine
leichte Aufgabe für ihn, wenn Sie sich erinnern, dass er damals bereits 79 Jahre alt war.
Die Medien schienen nur ein Interesse zu kennen: Bilder vom Papst zu erhaschen, auf denen
er barfuß zu sehen war. Ich zitiere Andreas English, den deutschen
Journalisten: Ich erinnere mich, dass ich nahe der weißen Wand des Gedenksteins stand und mich fürchterlich langweilte, als mich eine indische Frau, in einen Sari gekleidet, ansprach: Es muss ein bewegender Augenblick für Sie sein, dass der Papst hierher kommt, nicht wahr?" Ich kann nicht sehr stolz auf das sein, was mir in diesem Moment durch den Kopf ging. Arme Frau, dachte ich nämlich, du hast keine Ahnung und verstehst nichts. All diesen Leuten von der Presse hier sind die Absichten des Papstes stinkegal. Er könnte ihnen einen einzigen Gefallen tun, am Denkmal stolpern und hinfallen. Das gäbe ein Superbild, ließe sich hervorragend verkaufen und wäre ein Hit für die Titelseiten.
"Sie verehren ihn, wie wir Gandhi verehren, nicht wahr? "Kann schon sein", antwortete ich höflich. Sie schaute mich an und sagte: "Ich habe Gandhi noch gekannt, ich habe ihn gesehen, wie er die Spindel nutzte, um die Fäden zu produzieren, mit denen er seine Kleider webte." "Wirklich?"
fragte ich zurück. "Ja, die indische Regierung bat mich, heute als Zeitzeugin hierher zu kommen!" "Interessant", sagte ich. Sie schwieg für einige Zeit und sagte dann: "Gandhi besaß nichts. Das einzige, was er hatte, waren zwei leere Hände und sein Hindu Glaube. Und doch war das britische Empire mit all seinen Kriegsschiffen und Armeen nicht in der Lage, seine leeren Hände zu besiegen. Gegen diesen kleinen gläubigen Hindu hatte die Großmacht keine Chance. Genauso ist es mit dem Papst. Auch er besaß keine Armeen. Wie Gandhi hatte er nur zwei leere Hände. Aber die riesige Sowjetunion war nicht in der Lage, den Kampf gegen seinen Glauben zu gewinnen, gegen sein tiefes Vertrauen in einen befreienden Gott. Ist die Größe des Göttlichen nicht umwerfend? Ein wenig verwirrt merkte ich an: "Aber Gandhi war doch Hindu". Die Frau lachte. "Ich bin auch Hindu". Aber wissen Sie, seit meiner Begegnung mit Gandhi bin ich davon überzeugt, dass wir alle Brüder und Schwestern sind, wir Christen, Muslime und Juden. Wir alle besitzen die gleiche Menschenwürde und sind von Gott geliebt. Sie machte eine kleine Pause und fuhr dann fort: "Ich weiß das, seit ich die "Bergpredigt" des Jesus von Nazareth gelesen habe. Die kennen Sie sicher." "Ja, die kenne ich. Aber wieso haben Sie sie gelesen? "Wie, wissen Sie das nicht?" fragte sie erstaunt. "Mahatma Gandhi hat einmal gesagt: die Bergpredigt des Jesus von Nazareth ist die Basis jeglicher Ethik. Jedes wahre Urteil über Gut oder Böse kommt von diesen Worten, die der Sohn des Zimmermanns am See von Genezareth verkündet hat. Soweit Andreas Englisch. Ich muss zugeben, dass ich beim Lesen dieser Zeilen tief bewegt war. Nie zuvor habe ich eine bessere, kürzere und präzisere Zusammenfassung der Bergpredigt gelesen, präsentiert von einer Hinduistin aus Indien: nur, wer an die Kraft der leeren Hände glaubt, wird die unglaubliche Größe des Göttlichen erfahren, Gottes liebende Treue. Das genau ist es, worum es im Evangelium geht, was mit Umkehr und Bekehrung gemeint ist: Hör auf, auf deine eigene Kraft zu setzen, auf dein Geld, auf deinen Besitz, auf alles was du "haben" kannst. Das macht dich am Ende weder glücklich noch erfolgreich. Solange du in dieser Richtung unterwegs bleibst, bist du auf dem falschen Weg, ja betrügst du dich selbst. Sammelt euch nicht Schätze hier auf der Erde, wo Motte und Wurm sie zerstören und wo Diebe einbrechen und sie stehlen, sondern sammelt euch Schätze im Himmel, wo weder Motte noch Wurm sie zerstören und keine Diebe einbrechen und sie stehlen. Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz. Denkt daran: Wer kärglich sät, wird auch kärglich ernten. Nur wer reichlich sät, kann eine reiche Ernte erwarten, wer nichts zurückhält, wer ganz und gar darauf setzt, dass Jesus der Weg, die Wahrheit und das Leben ist. Zentrum und Kern des Evangeliums ist die Botschaft von der
Macht der leeren Hände: Selig die Armen, selig die Trauernden, selig die Sanftmütigen, selig die
hungern und dürsten nach Gerechtigkeit, selig die Barmherzigen, selig die ein reines Herz
haben, selig die Frieden stiften, selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden
das sind die, denen das Himmelreich gehört, denen eine von den vielen Wohnungen im
Haus des Vaters zugedacht ist. All diese Menschen, von denen die Bergpredigt spricht, sind
Menschen mit leeren Händen. Ihr einziges Kapital: Vertrauen in Gott. In der Werteordnung des Gottesreiches
scheint das Loslassen, die Ohnmacht, das Hergeben geradezu die Grundbedingung für ein
gelingendes Leben zu sein. Solange jemand das Geheimnis der leeren Hände
nicht verstanden hat, gehört er noch nicht zu denen, die das Evangelium seligpreist. Denn
da heißt es: Wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um
meinetwillen verliert, wird es gewinnen so lautet nun mal die Einladung des
Herrn zu dem Abenteuer, das Leben zu haben und es in Fülle zu haben. Noch einmal: das Loslassen von Macht, die Ge-lassenheit im weitesten Sinn des Wortes, scheint Voraussetzung für jede tiefere Erfahrung vom Leben in "Gottes Reich" zu sein. Das liegt quer zu jedem üblichen Verständnis davon, wie jemand seinen Weg macht. Normaler Weise halten wir Ausschau nach Macht, nach Einfluss, nach Sicherheit. Wer eine Dollar Note zur Hand nimmt, bekommt dieses Verständnis plastisch vorgeführt. Auf dem Geldschein steht die irreführende Aufschrift: In God we trust - wir vertrauen auf Gott. Selbst nach Jahren des Lernens von Jesus, scheinen die Jünger noch immer diesem Missverständnis aufzusitzen. Als sie heim kamen, fragte Jesus sie: worüber habt ihr unterwegs gesprochen? - Sie schwiegen, denn sie hatten darüber gesprochen, wer von ihnen der Größte sei. Und dann versucht Jesus es noch einmal: er stellt ein Kind vor sie und sagt: "Wahrhaftig, ich sage euch, wer Gottes Reich nicht entgegennimmt wie ein Kind, wird es nicht besitzen." Kinder haben in
der Regel keine Macht, aber sie haben einen ungeheuren Einfluss auf ihre Umgebung. Man
muss nur einmal schauen, was sich in den Gesichtern von ansonsten ernsthaften oder gar
mürrischen Menschen abspielen kann, wenn sie ein kleines Baby anschauen. Mit unserem
Versuch, dem Geheimnis der Werteordnung im Reich Gottes auf die Spur zu kommen, sind wir
zugleich dabei zu verstehen, was hier und heute geschieht, wenn Schwester Consiglia
Feierliche Profess macht. Unter normalen Umständen rangieren ein
"verborgenes Leben", ein Leben des "Loslassens", ein Leben in Armut,
Ehelosigkeit und Gehorsam nicht gerade oben auf der Hitliste der Lebensziele. Innerhalb
der Werteordnung des Gottesreiches, da wo die "Kraft der leeren Hände" als
Lebensprinzip gilt, sieht das anders aus. Sr. Consiglia wagt ein Leben, bei dem sie
äußere Macht aus den Händen legt, aber darauf vertraut, dass sich genau auf diesem Weg
ihre Hände füllen mit der Macht des Gebetes und eines Glaubens, der Berge versetzt. Mit
ihrem Leben will sie zeigen, dass es Sinn macht, sich auf die Werteordnung des
Gottesreiches einzulassen und nichts anderes zu kennen als die Sicherheit: ER ist der Weg,
die Wahrheit und das Leben. Vor Jahren war
ich in Vietnam, um dort mit einigen Nonnen des Monasteriums von Farmington Hills die
Neugründung eines Klosters vorzubereiten. Bei dieser Gelegenheit traf ich auch den
Erzbischof von Saigon. Ich fragte ihn damals: Exzellenz, worauf führen Sie das
ungeheure Wachstum der Kirche in Vietnam zurück?" Ohne einen Augenblick zu zögern
antwortete er: "Ich glaube, die Tatsache, dass wir keinerlei Macht haben, macht uns
so mächtig in diesem Land." Liebe Schwester
Consiglia, in wenigen Minuten werden Sie Ihre feierliche Profess als Nonne im
Predigerorden ablegen. Sie werden Ihre leeren Hände in die nur mit den Konstitutionen
gefüllten Hände Ihrer Priorin legen. Dann werden sie Gehorsam gemäß der Regel des
heiligen Augustinus und dieser Konstitutionen versprechen. Dabei steht der Begriff
"Gehorsam" für "Machtlosigkeit". Sie übergeben Ihr Leben und damit sich selbst an das
Geheimnis der "Kraft der leeren Hände". Wir wünschen
Ihnen, dass Jesus immer Weg, Wahrheit und Leben für Sie bleibt und wir danken Ihnen von
Herzen für Ihr Zeugnis, für diese Predigt, die Sie uns mit Ihrem eigenen Leben halten.
Manuel Merten OP |
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